Knowledge Production in Conflict: the International Crisis Group


Zusammenfassung der Forschungsergebnisse


Die Forschungen des wissenschaftlichen Netzwerks „Wissen und Macht in der internationalen Sicherheits-Governance“ stellen die erste breit angelegte Untersuchung der einflussreichen Politikberatungsorganisation International Crisis Group (ICG), ihrer Arbeitsweise und ihrer Einflussmöglichkeiten und Funktionen in der internationalen Sicherheitspolitik dar.

Folgende zentrale Forschungsergebnisse konnten erzielt werden:

 

Welche Art von Wissen wird von der ICG produziert?

  • Die ICG unterliegt zwei unterschiedlichen, in einem Spannungsverhältnis befindlichen Logiken der Wissensproduktion. Zum einen produziert sie feldforschungsbasiertes deskriptiv-ontologisches Wissen mittels ihrer Analytiker in Konfliktgebieten. Dieses Wissen bleibt jedoch unvollständig, weil es den empirischen Analysen der ICG oftmals an der Kontextualisierung aktueller Ereignisse in die jeweiligen konkreten historischen und sozio-ökonomischen Konfliktzusammenhänge mangelt. Die Kernfunktion dieser Seite der Wissensproduktion ist die symbolische Untermauerung der Expertenautorität der ICG. Zum anderen stellt die ICG der Politikberatung dienendes, politikrelevantes und -kompatibles und damit normativ-praktisches Wissen zur Verfügung. Sie bleibt dabei aber einer formelhaften, mantraartigen Wiederholung zentraler liberaler Konzepte internationaler Sicherheits-Governance verhaftet, die wenig Verbindung zum spezifischen Fall aufweisen. Der Problemlösungswert dieses Wissens bleibt dadurch begrenzt.

Wie verläuft der Prozess der Wissensproduktion?

  • Im Prozess der Wissensproduktion und -verbreitung durch die ICG sind Personen und deren formale und informelle professionelle Netzwerke von zentraler Bedeutung. Welche Informationen gewonnen werden (können), wie strategisch der Einsatz dieser Informationen ist, zu welchen Narrativen sie zusammengefügt werden und wer die Adressaten dieser Narrative sind, bestimmt sich neben dem jeweiligen Kontext nach der jeweiligen personellen Konstellation professioneller Netzwerke. Dabei können lokale Akteure wie etwa die Regierungen der Empfängerstaaten westlicher Interventionen eine ebenso wesentliche Rolle spielen wie die westliche Politik. Der Prozess der Wissensproduktion verläuft dabei je nach Fall unterschiedlich und kann in manchen Fällen in einen regelrechten „Kampf um Deutungen“ münden.

Welche Einflussmöglichkeiten stehen der ICG zur Verfügung?

  • ICG-Berichte werden von unterschiedlichen Akteuren strategisch in Machtkämpfen um die Deutung von Konflikten und daran geknüpfte legitime Handlungsmöglichkeiten eingesetzt. In einigen Fällen konnte die ICG konstruktiv auf Politikprozesse beispielsweise beim Konfliktmanagement einwirken, in anderen Fällen wurde sie von politischen Akteuren instrumentalisiert oder aber blieb bedeutungslos. Ihr politischer Einfluss bestimmt sich also nach den Spezifika des jeweiligen Falles. Allgemein bestimmen sich die Einflussmöglichkeiten der ICG auf den politischen Prozess letztlich danach, wie das von ihr produzierte Wissen von zentralen Entscheidungsträgern aufgegriffen und genutzt wird. Nicht immer ist es dabei das Think-Tank-Wissen, welches durch Beratung und Medienkampagnen das politische Handeln formt; oft findet eine Instrumentalisierung des Wissens durch die Politik statt.

Welchen theoretischen Beitrag konnte das Netzwerk leisten?

  • Die Forschungen des Netzwerks haben demonstriert, dass sowohl funktionalistische oder differenzierungs­theoretische wie auch konstruktivistische Herangehensweisen an transnationale Think Tanks zu kurz greifen. Ein tieferes Verständnis der Arbeits- und Funktionsweisen sowie Interventionsmöglichkeiten der ICG konnte durch den Rückgriff auf politisch-soziologische Theorieansätze erzielt werden, durch die ihre Einbindung sowohl in globale Machtstrukturen als auch in lokale Mikroprozesse aufgezeigt werden konnte.

Was bedeuten die Forschungsergebnisse für die Nutzer von ICG-Berichten?

  • Die Nutzer von ICG-Berichten in Politik, Medien und Wissenschaft sollten sich der von dem Netzwerk herausgearbeiteten Widersprüche, Auslassungen und damit Grenzen des von der ICG produzierten Wissens bewusst sein. Dieses Wissen ist nicht notwendigerweise „falsch“ oder „schlecht“, aber es stellt ebenfalls nicht das autoritative Wissen zu Konflikten dar, das das ICG-Marketing verspricht. ICG-Berichte liefern letztlich nur ein Narrativ neben anderen, und die Intransparenz bezüglich Informationsbeschaffung und -interpretation gemahnt zu einem kritischen Umgang mit diesem Wissen.